Anruf von Gott

Nach zwei Wochen Urlaub brennt es mir unter den Fingern, endlich wieder einen Blogbeitrag zu schreiben. Mein Urlaub war toll: Sonne, Strand und Meer, tolle Landschaft zum Erkunden, gutes Essen – also alles was man sich wünscht und braucht – jedoch ist man als Bewerber ja nie wirklich entspannt. Ein Telefoninterview zwischendurch, jeden Morgen einen Blick auf die Jobbörsen, Mails checken, die neusten Artikel aus Wirtschaft und dem Bereich HR lesen… diese innere Unruhe verspüre ich, seit dem ich arbeitssuchend bin. Gut, dass Dank modernster Technik das Mobiltelefon überall funktioniert! Im Hotel, beim Essen am Strand – mir entgeht nichts!

Einen fatalen Fehler machte ich jedoch, als ich an einem Vormittag das Mobiltelefon in meinem Hotelzimmer vergaß. Ich bin nicht zurückgegangen, um es zu holen. Stattdessen beschloss ich in der Sonne zu liegen und faul zu sein. Jetzt ist es raus. Ein verwerflicher Anflug von Egoismus und Ignoranz. Unverzeihlich.

Denn genau an diesem Tag ist das passiert, worauf ich jeden Tag so sehnlichst gewartet habe: ein Anruf eines Personalberaters! Bzw.: zunächst sah ich natürlich erst einmal eine unbekannte Nummer auf dem Display. Okay, ich gebe zu, es waren sogar zwei Anrufe dieser Nummer hintereinander. Eine Mail oder eine Hinterlassenschaft auf meiner Mailbox habe ich jedoch nicht erhalten. Die Schlussfolgerung meinerseits, dass es ja dann nicht so wichtig gewesen sein konnte, zeugt von gaaaanz schlechtem Urteilsvermögen! Natürlich wollte ich den Anrufer zurück rufen, verschob dies aber auf den Abend und ging zu meiner Besprechung mit Tapas und Sangria. Verabredungen lässt man schließlich nicht warten. So ist das mit den Prioritäten, oder um es mit „Maslow’s Hierarchy of Needs“ zu beschreiben: ich habe mit Essen und Trinken meine physiologischen Grundbedürfnisse befriedigt, d.h. also, ich konnte gar nicht anders! So!

Jetzt kommt aber noch die Steigerung der Unverschämtheit meinerseits: ich habe an diesem Tag vergessen, zurück zu rufen. Sowohl der Anruf, als auch die unbekannte Nummer waren aus meinem Gedächtnis verbannt. Ich mag ja kein „Fingerzeigen“ und sehe natürlich meine eigenen Fehler, aber meine Freundin Sangria hat auch ein wenig Mitschuld! Wieso werden die Früchte vorher eingelegt? Damit man besser schläft! (Und für die Kopfschmerzen…). Ich gebe zu, dass ich erst am nächsten Tag wieder an den Anruf gedacht habe. Schuldig. Wo muss ich das Geständnis jetzt unterschreiben?

Gleich am nächsten Morgen griff ich mir mein Mobiltelefon und hoffte, dass ich durch einen Rückruf erfuhr, wen oder was ich am Vortag verpasst hatte. Zuerst schaute ich aber in meine Mails und hatte dort eine Nachricht einer Mitarbeiterin des Personalberaters, der versucht hatte, mich zu erreichen. Da ich ja nicht ans Telefon gegangen sei, als der Personalberater persönlich (war auch in der Mail fett geschrieben) bei mir angerufen hatte, würde man jetzt bezweifeln, dass ich noch Interesse an einer Position besäße, auf die ich mich vor circa 4 Monaten beworben hatte. Man erwartete eine Stellungnahme. Oha. 4 Monate sind eine lange Zeit: ich kramte in meinem „sangriagetränkten“ Gedächtnis nach der Stellenausschreibung und dem Namen des Personalberaters. Erst beim Durchsuchen meiner Mails fand ich meine verschickte Bewerbung und ich erinnerte mich. Ich schrieb zurück, dass ich definitiv noch Interesse hätte, aber gerne noch mehr Informationen über die Position bekommen würde. Ich wusste weder den Arbeitsort (nur grob eine Region), noch, um welches Unternehmen es eigentlich ging. Dazu schrieb ich, dass ich mich derzeit im Urlaub befände und in einer Woche wieder zu Hause wäre und gerne für Gespräche bereits stünde.

Nach dieser Mail hörte und las ich nichts mehr von diesem Personalberater oder seiner Kollegin…

Zurück in Deutschland schrieb ich dann eine Mail, um mich nach dem Stand des Bewerbungsverfahrens zu erkundigen, bzw. ich wollte wissen, wie nun die nächsten Schritte aussehen würden. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: da ich ja nicht ans Telefon gegangen sei, als der Personalberater persönlich (wieder fett geschrieben) bei mir angerufen hätte und man somit an meinem Interesse gezweifelt habe, könne man mich nun nicht mehr bei der Auswahl der Bewerber berücksichtigen. Derzeit laufe die erste Gesprächsrunde, zu der man mich nun nicht mehr einlade, obwohl mein Profil gut gepasst hätte. Daher komme man auf mich zurück, falls in der ersten Auswahl wirklich niemand dabei sein sollte, der auf die Position passe.

Ohne Worte. Nachdem mein Puls wieder einigermaßen normal war, schrieb ich folgende Mail:

Sehr geehrter Herr ..,

vor ungefähr vier Monaten habe ich mich bei Ihnen auf die Stelle des „Personalleiters Werk (m/w)“ beworben. 

Sie persönlich haben dann versucht, mich zu erreichen – in meinem Urlaub – und ich bin nicht ans Telefon gegangen – gleich zweimal! Das ist nicht entschuldbar und ich schäme mich, dass ich mich mit Tapas und Sangria vergnügt habe, anstatt Ihren Anruf entgegen zu nehmen. Auch der Mailkontakt zu Ihrer Kollegin konnte diesen Fehler nicht mehr ungeschehen machen.

Nun, jetzt haben Sie auf Grund meiner Unflexibilität entschieden, ohne mich weiter zu machen, bzw. zu schauen, ob vielleicht ein anderer Bewerber besser  passt. Keine Chance mehr, noch in die erste Gesprächsrunde zu kommen. Okay, Sie haben sich die Option offen gelassen, mich nochmal zu kontaktieren, sollten Sie in der ersten Runde niemanden finden. Ich freue mich, dass ich zumindest noch als Notnagel dienen kann.

Ich sage Ihnen etwas: vielleicht hätte ich gut gepasst  (war ja auch Ihre Meinung) und dazu kommt, dass ich in der angegebenen Region wohne. Aber: ich hab’s wohl versaut. Die Verhaltensregeln für Bewerber nicht verstanden.

Lassen Sie uns die Regeln für Bewerber nochmal zusammenfassen, damit ich sie auch verinnerlichen kann:

  1. Bewerber haben niemals wirklich Urlaub
  2. Sollten sie es doch wagen, sich aus den heimischen Gefilden davon zu schleichen, halten sie sich nur in Regionen auf, in denen eine gute Telefonverbindung besteht incl. WLAN.
  3. Bewerber gehen immer ans Telefon, egal in welcher Lage (auch auf dem WC, unter der Dusche, beim Schwimmen, Sonnen…und das 24/7)Lebenssituationen und –umstände finden hierbei keine Berücksichtigung
  4. Ist man beim ersten Anrufversuch (von Gott) bzw. innerhalb eines Tages nicht erreichbar, steht die Unflexibilität über der Qualifikation, was so viel bedeute wie: DU BIST RAUS!

Richtig so? Gut, ich hab’s kapiert.

Aber meine Bewerbung soll ja nicht ganz umsonst gewesen sein. Damit auch jeder Bewerber die Regeln versteht, kann ich Sie vielleicht als Gastredner für das nächste Personaler – Netzwerktreffen gewinnen? Das würde mich sehr freuen! Wir Personaler tauschen uns nämlich oft aus, auch über die Dienstleisterwahl. Kommen Sie und der neue Stelleninhaber doch einfach dazu und referieren Sie über „Trends im Recruiting“! Wie wär’s?

Mit freundlichen Grüßen,

Sandra Gausmann

Ich warte noch gespannt auf eine Antwort. Beim Schreiben dieses Textes hatte ich auf jeden Fall meinen Spaß, dafür ein herzliches „Dankeschön“ an der Personalberater!

Nachtrag: Auch unter den Personalberatern gibt es das ein oder andere schwarze Schaf, genau wie unter Personalern oder in jeder anderen Berufsgruppe. Dieser Artikel soll keinesfalls eine pauschalisierte Bewertung eines Berufsstandes abgeben. Ganz im Gegenteil: ich kenne sehr viele Personalberater, die einen sehr guten Job machen, sich sehr viel Mühe geben, gut und verlässlich kommunizieren und den Bewerber nicht als „Ware“ sehen. Sich auf Augenhöhe begegnen ist das Stichwort, wie eigentlich immer und überall.

9 Kommentare



  1. Hallo Sandra, was für ein toller Artikel! Mit so einer Antwort hat die Personalberatung wohl sicher nicht gerechnet. Man muss nur mutig genug sein, um so etwas mal aufs Papier zu bringen. Hoffe ich kann mir in Zukunft mal eine Scheibe davon abschneiden.
    Freue mich schon auf weitere Blogs von Dir und wünsche Dir weiterhin alles Gute.
    VG
    Laura

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    1. Hallo Laura,

      vielen Dank für das Lob! 🙂 Neue Blogs sind schon in Arbeit….

      Liebe Grüße, Sandra

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  2. Liebe Sandra,

    super Reaktion auf ein unmögliches Geschäftsgebaren. Ich habe mich königlich über Deine Email amüsiert – Daumen hoch.

    Ich selbst habe auch grade erst letzte Woche ein ganz besonderes Erlebnis mit einer Personalberaterin gehabt. Die Kurzfassung:

    – Raucherbüro (für mich das Höchstmaß an Unprofessionalität)
    – Personalberaterin wirft mir indirekt vor, ein Sozialschmarotzer zu sein (mein letzter AG hat mich in den Krankenstand geschickt, statt mir einen Aufhebungsvertrag anzubieten)
    – Personalberaterin bezeichnet mich als „Problem“ für Arbeitgeber
    – Personalberaterin behauptet, ich wäre bei der Schilderung über mein letztes Arbeitsverhältnis den Tränen nahe (mitnichten!) und teilt mir im gleichen Atemzug mit, sie sei ja Psychologin und hätte daher den Durchblick
    – Personalberaterin bezeichnet mich indirekt als spröde
    – Personalberaterin teilt mir mit, dass sie der Meinung sei, dass ihr Auftraggeber ja gar nicht genau wisse was er wolle und sie der Meinung sei, die würden eher Jemanden brauchen, „der 40 ist“ (wörtliches Zitat, AGG lässt grüßen!!!)

    Und jetzt kommt es: Nachdem ich mich derart habe beleidigen lassen müssen und ich schon aufstehen und gehen will, teilt mir die die Personalberaterin mit, dass sie mich ggf. doch noch ihrem Kunden vorstellen möchte.

    Ich habe mir heute Nachmittag Dich zum Vorbild genommen und ebenfalls eine sehr direkte Email an die Dame zu verfasst. Von so einer Person möchte ich unter keinen Umständen in irgendeiner Weise vertreten werden. Außerdem möchte ich auch für keinen Arbeitgeber arbeiten, der eine solche Personalberatung als Aushängeschild und Sprachrohr nutzt!

    Selbstverständlich gibt es in allen Bereichen schwarze Schafe. Aber was macht ein (begründet) gescheiterter Manager, der keinen Job mehr findet? Er macht sich selbständig und das zum Leidwesen aller. Es wäre schön, wenn es eine Art Zertifizierung gäbe, um hier die Spreu vom Weizen zu trennen. Für den Anfang reicht auch eine schwarze Liste – hätte hier einen Eintrag beizutragen 😉

    Viele Grüße sendet Dir
    Julia

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    1. Hallo Julia,
      danke für dein Lob! 🙂
      Dein Erlebnis ist auf jeden Fall sehr traurig und vor allem sehr unprofessionell seitens der Personalberaterin. Ich frage mich immer, ob die Unternehmen wissen, wie sie eigentlich nach Außen hin vertreten werden. Das kann ja niemand wollen. Man müsste die Leistungen von Personalberatern irgendwie messbar machen bzw. auch als Unternehmen mal Bewerber fragen, wie sie den Personalberater empfunden haben. Weißt du, was „deine“ Personalberaterin vor der Personalberatung gemacht hat?
      Liebe Grüße, Sandra

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  3. Hallo Sandra,

    sehr mutig, dieser Artikel! Und leider auch realistisch!

    Der Verdrängungswettbewerb oder Leistungsgedanke im Recruiting, Headhunting und der Zeitarbeit trägt mittlerweile heftige Auswüchse. Da wird man schon mal von den Personalberatern (m/w) ordentlich rangenommen, wenn man deren Ziele nicht „mitverfolgt.“ ;-))

    Ich hätte da gerade auch aktuell einen echten Knaller im Angebot, der mir gerade bei XING passiert ist. Aber da hülle ich mich vorerst noch im Schweigen drüber, da ich dies gerne in ähnlicher Form wie deinen Artikel verarbeiten würde. Aber in aller Kürze: Blindanschreiben mit Abservierung in der Folge. Da wirds auch nichts mit der Zielerreichung im BWL-Sinne. ;-))

    Wenn mein Frechmut stärker wird, könnte ich mir mal Gedanken machen, wie ich das in eine Artikel gießen würde. Das Gute daran: an passenden Stories scheint es nicht zu mangeln. Siehe ganz oben bei dir.

    Vielen Dank für deinen Mut und ich hoffe inständig, dass es bald mit einer neuen Position bei dir vorangeht. Auch wenn ich dich gut verstehen kann und den langsam aufkommenden Ärger über unprofessionelle HRler.

    Antworten

    1. Hallo Marc, oha, na dann bin ich gespannt, was du in deinem nächsten Artikel schreibst 🙂 Aber du hast recht, an Beispielen mangelt es wirklich nicht. Aber zum Glück passieren mir auch positive Dinge während des Bewerbungsprozesses, so dass ich sagen kann: es gibt auch sehr professionelle Personaler, Personalberater etc. Ich finde aber, dass solche „schwarzen Schafe“ für professionelle Personalberater den Weg verbauen und „entlarvt“ gehören. Sie prägen das Bild ihrer Berufsgruppe und das ist wirklich schade. Vielleicht sollten wir mal eine „rote Liste“ dieser schwarzen Schafe zusammen stellen :-)… mmm… darüber muss ich mal nachdenken.
      Ich freue mich auf jeden Fall auf den Bericht deiner Erfahrungen! Liebe Grüße, Sandra

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  4. Liebe Sandra,
    herzlichen Glückwunsch zu einer Antwort, die sich „gewaschen hat“. Ich will – ehrlich gesagt – gar nicht wissen, wie viele Bewerber genau solche Erfahrungen machen, sich aber nicht trauen, entsprechend zu reagieren. Nachher landet man noch auf der „Roten Bewerber-Liste“… dem Personalberater sei gesagt: Hochmut kommt vor dem Fall. Wusste schon meine Oma..
    Herzliche Grüße und weiterhin viel Erfolg mit deinem Blog!
    Kirstin

    Antworten

    1. Liebe Kirstin, vielen lieben Dank! Ja, ich lande bestimmt nun auf seiner „roten Liste“, macht aber nichts, denn weder als Bewerber noch als Personaler würde ich gerne mit diesem Herrn zusammen arbeiten 🙂 Bin mal gespannt, ob er eine Antwort auf meine Mail parat hat. Ich glaube, dass das Recruiting in Zukunft immer schwieriger wird, da wird dieser Personalberater auch nochmal über seine Recruitingstrategie nachdenken müssen… Liebe Grüße, Sandra

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