Job-Interviews- außer Langeweile nichts Neues in Sicht

Nachdem ich nun schon mehrfach angeschrieben wurde, warum es in meinem Blog so ruhig geworden ist (ich fühle mich geschmeichelt), kommt hier die beruhigende Nachricht: mir geht’s gut, ich mache mir weiterhin Gedanken über HR-Themen und will auch weiterhin bloggen. Das, was mir momentan einfach die Zeit raubt, ist ein privates, mittelgroßes (gefühlt riesiges) Projekt: meine Hochzeit. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was da so alles zu organisieren ist… Oder wahrscheinlich könnt ihr es euch doch vorstellen, wenn ihr bereits verheiratet seid und eine große Party gefeiert habt.

In meiner momentan knapp bemessenen Zeit bin ich aber nach wie vor noch auf Jobsuche. Als ich vor circa einem halben Jahr meinen Blog gestartet habe, habe ich irgendwann gesagt, dass ich nicht nur über negative Erlebnisse während meiner Jobsuche schreiben möchte, sondern auch über positive Dinge berichten wolle. „Es soll nicht nur ein Negativ-Blog sein“ stand damals in meinem Interview mit dem HumanResourcesManager. Und es stimmt weiterhin: ich würde liebend gerne über mir begegnete Innovationen im Recruiting berichten; über Personaler, die nicht nur ihre Standardfragen auf Lager haben; über wirklich Neues wenn es um Employer Branding geht; über ansprechende Karriereseiten, die ein authentisches Bild des Unternehmens abgeben und über Kreativität bei der Außendarstellung der Firmen… Ich hatte gehofft, dass ich all den Themen begegne, die in HR-Kreisen so viel diskutiert werden. Die Erkenntnis, das Recruiting sich ändert, die hätte ich gerne gewonnen (das es sich ändern muss wissen wir alle ja schon lange).

Stattdessen war all das, was mir bisher bei meiner Jobsuche begegnet ist, eingestaubt, standard, durchschnittlich (ob nun Interviews, Karriereseiten, Stellenanzeigen, Maßnahmen zum Employer Branding…). Ausgenommen der Beispiele aus meinem Blog- die waren natürlich unterdurchschnittlich…

Klar hatte ich Interviews, in denen mir nette Personaler gegenüber saßen, in denen die Atmosphäre gut und sicherlich Wertschätzung vorhanden war. Aber so richtig neu hat sich HR nicht definiert oder erfunden. Standardfragen wie vor 10 Jahren, die Aufforderung nach Bauchpinselung des Unternehmens (Warum haben Sie sich ausgerechnet bei uns beworben? Warum möchten sie denn bei uns arbeiten?- Von Henrik Zaborowski gibt es hierzu tolle Vlog-Beiträge, die man unbedingt gesehen haben sollte!), die Abklärung von Stärken und Schwächen und – jetzt kommt eine meiner persönliche Lieblingsfragen – der Blick in die Zukunft: wo sehen Sie sich in 5 Jahren? Das ist eine besonders tolle Frage, wenn man sich im Gespräch mit dem Personalleiter befindet und sich für die Personalabteilung bewirbt. Finde den Fehler…

Ich hätte also in meinem Blog schreiben können: „heute hatte ich ein Interview: nette HRler, Standardfragen, Recruiting wie vor 10 Jahren…“ Und das wäre dann mein Positiv-Beispiel einer erfolgreichen Bewerbersuche? Nicht wirklich…

Genauso sieht es aus mit den Karriereseiten (oder auch Stellenanzeigen). Dort stehen in vielen Fällen immer dieselben Worthülsen, wenn es darum geht, warum das Unternehmen ein guter Arbeitsplatz ist. Flexible Arbeitszeiten, Vertrauen, Fairness, leistungsgerechte Bezahlung, nette Kollegen, Raum zur Mitgestaltung, Diversität, Internationalität… heißt jetzt was genau für meinen zukünftigen Arbeitsplatz? Wonach bewertet man denn so eine Seite? Meiner Meinung nach geht das gar nicht, ohne Einblicke in das Unternehmen zu haben. Und als ich diese in Vorstellungsgesprächen bekam, merkte ich mehrfach: die Darstellung des Unternehmens war wenig authentisch.

Also auch zu diesen Themen fand ich keine bahnbrechende Innovation für einen Blogartikel… Und Beiträge zu wirklich langweiligem Recruiting will auch keiner lesen. Obwohl, jetzt müsst ihr da einmal durch: mir fällt gerade eine sehr junge Kollegin in einem Vorstellungsgespräch ein, die mit ihrem grauen Hosenanzug und dem Stock im Popo genau das repräsentierte, was ich hier beschreibe: Langeweile. Gleich zu Anfang des Gesprächs versuchte sie, einen Witz zu machen, indem sie mir bzw. allen Gesprächsteilnehmern einen falschen Nachnamen genannt hat (sie hatte unlängst geheiratet). Das sollte wohl der Eisbrecher sein. Ihre ganz persönliche Innovation. Allerdings gab gar keine Reaktion im Raum (weil es auch niemanden interessiert hat), worauf sie ausführlich von ihrer Hochzeit erzählte und sich dann circa 3 Minuten über ihre Namensverwechslung totlachte… ganz allein. 3 Minuten. Der besondere HR- Charme? Danach war sie dann übrigens seeehr streng und hat mir die gemeinen Fragen wie aus einer Pistole geschossen entgegen geknallt. Jo! Und durch ihre Riesenbrille Marke „Puck“ konnte sie enorm böse schauen…. Lustig. Und langweilig.

Aber zurück zu meinem Blog. Da sich nun bisher keine wirklich erwähnenswerten, überraschenden (im positiven Sinn) Erlebnisse während meiner Jobsuche ereignet haben, erzähle ich weiterhin (humorvoll) von Dingen, die mich zum Lachen und Nachdenken gebracht haben. Für heute habe ich mal meine Top 5 der dämlichsten (nicht-standard, aber leider auch nicht positiven) Fragen in meinen Bewerbungsgesprächen mitgebracht. 5 ist dabei die Frage, die mir am meisten „Spaß“ bereitet hat:

  1. Warum tragen Sie heute einen Pferdeschwanz? Was möchten Sie damit ausdrücken?
  2. Warum haben Sie nicht die Insolvenz Ihres Unternehmens verhindert? Wieso haben Sie nicht Ihren Chef (hier: Geschäftsführer) entlassen?
  3. Sie sind Angestellte in einer Eisdiele. Stellen Sie sich vor, es kommt ein riesen Andrang und das Eis ist nahezu alle. Ihr Chef sitzt hinten im Büro und macht die Abrechnung. Was tun Sie?
  4. Führungskraft (kein Personaler): Sie reden immer von HR! HR, HR! Was heißt denn nun HR? Haben Sie beim Hessischen Rundfunk gearbeitet? Und was wollen Sie jetzt hier?
  5. Wären Sie auch mit der Hälfte Ihrer Gehaltsvorstellung zufrieden?

 affe mit spruch 2

Meine Einschätzung zum Thema Job-Interviews: außer Langeweile nichts Neues in Sicht!

Kleiner Nachtrag: Letztes WE erschien dann ganz passend noch ein Artikel der WirtschaftsWoche, in dem beschrieben wurde, welche Verhaltensregeln Bewerber beachten müssen, um Personaler nicht zu nerven (allein die Wortwahl ist schon toll). Alles Dinge, die, wenn man ein wenig Grips und Höflichkeit besitzt, sowieso selbstverständlich sind. Aber was suggeriert denn so ein Artikel? „Lieber Bewerber: sieh zu dass du alles richtig machst, keinen dummen Fragen stellst (das ist den Personalern vorbehalten) und benimm dich!“ Sehr einseitig, vor allem, weil das Thema Augenhöhe ja nun auch bereits oft genug diskutiert wurde. Meine Meinung: solche Artikel bringen uns nicht nach vorne, wenn wir Recruiting verändern wollen, sondern ganz im Gegenteil: „zurück zur HR-Macht und zum großen grauen (Verwaltungs-)Monster“ wäre hier passend. Gruselig. Und: langweilig.

13 Kommentare



  1. Hallo Sandra,
    mich nervt es ebenfalls das ich bei Vorstellungsgesprächen nochmal meinen Lebenslauf runterbeten darf, obwohl die Person die das Gespräch führt selbigen in der Hand hat. Und immer wieder wollen manche hören das man schon sein ganzes Leben nur darauf gewartet hat in dieser Firma arbeiten zu dürfen. In welcher Scheinwelt leben solche Menschen eigentlich?

    Und die immer gleichen Stellenanzeigen, wenn man dann genauer nachfragt was man nun genau machen soll, kommt auch nicht selten was anderes raus und unter angemessener Bezahlung verstehen viele inzwischen 8,50 Euro Mindestlohn.

    Leider geht es immer nur darum wie der Bewerber sich zu benehmen hat, selten darum wie herablassend manche Firmen ihre Bewerber behandeln. Eine der wichtigsten Grundregeln des gesellschaftlichen Umgangs, nämlich behandele andere so wie du auch behandelt werden willst, wird hier oftmals ignoriert. Und dann wundern sich die Firmen warum die Bewerber immer weniger werden, denn dank Internet spricht sich sowas auch irgendwann rum.

    Bei Gelegenheit werde ich mir die Vlogs von Herr Zaborowski ansehen.

    Dir wünsche ich weiterhin viel Erfolg bei der Jobsuche und der Hochzeitsplanung.

    lg Julia

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    1. Hallo Julia,
      vielen Dank für die lieben Wünsche!
      Ja du hast Recht, dass man Bewerbern auf Augehöhe begegnet ist bei manchen Unternehmen oder Recruitern noch nicht angekommen… Leider. Und damit schaden sich Unternehmen vor allem selbst, denn jede schlechte Erfahrung eines Bewerbers wird weiter getragen und heute ja auch vielfach durch verschiedene Plattformen sichtbar gemacht. Da braucht man sich dann auch nicht über schlechte Bewertungen wundern… 😉 Aber ich denke dass sich das Recruiting in Zukunft ändern muss..
      Liebe Grüße, Sandra

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  2. Hallo Sandra,
    ich bin vollkommen bei dir was deine Einschätzung betrifft. Ich bin schon etwas länger im HR-Geschäft und hätte auch einige vernichtende Stories auf Lager.

    Allerdings würde ich mir wünsche von dir zu erfahren, wie du es besser machen würdest.

    Liebe Grüße
    Michael

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    1. Hallo Michael,
      endlich fragt mal jemand 🙂 Ich denke, dass man auch als Personaler kreativ bei der Gesprächs- bzw. Interviewgestaltung sein kann. Was für mich gar nicht geht, ist es, den Bewerber zu bitten, seinen Lebenslauf herunter zu beten, denn lesen kann ich auch. Ich möchte auch keine hochlobenden Stories hören, warum der Bewerber das Unternehmen toll findet. Mich interessiert eher, wie er fachliche Problemstellungen angehen würde, welche Meinungen er zu verschiedenen Themen hat und ich denke auch, dass Unternehmen mehr von sich preisgeben müssen. Also: warum nicht mal mit dem Bewerber ein Blick hinter die Kulissen werfen? Ins Tagesgeschäft, da wo die Kollegen an Problemstellungen arbeiten. Warum fragen wir den Bewerber nicht, wie er in Situation xy handeln würde? Was ich auch immer wieder in meiner bisherigen Praxis gemacht habe ist, den Bewerber vor dem Gespräch zu bitten, eine kurze Präsentation vorzubereiten, in der er sich vorstellt. Abseits vom Lebenslauf- was wäre wichtig über ihn zu wissen. Was hat ihn geprägt? Was zeichnet ihn aus- beruflich und privat. Das kann der Vorgesetzte übrigens auch über sich erzählen 🙂 Ziel sollte es doch sein, dass man sich gegenseitig kennen lernt, um zu schauen, ob es wirklich passt. Da fällt mir wirklich viel ein, so dass sich ein eigener Blogartikel lohnt 🙂 Ich denke, den werde ich darüber schreiben.
      Danke für die Inspiration!! Liebe Grüße, Sandra

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      1. Liebe Sandra,

        schön einen Gleichsinnten zu treffen. Ich habe in den Interviews nur mit praktischen Problemstellungen gearbeitet, für die der Bewerber eine Lösung vorschlagen sollte. Für mich stehen lösungs- und handlungsorientierte Kompetenzen im Vordergrund – und nicht wie gut der Bewerber die Karriereseite auswendig gelernt hat. Außerdem frage ich Bewerber den was er braucht um glücklich arbeiten zu können. Komisch das das trotz Fachkräftemangel immer noch nicht in einigen HR-Köpfen angekommen ist. Oh man ich merke schon das ich damit auch einen blog füllten könnten. Mich fasziniert aktuell die Bewegung von Mark Poppenborg http://www.intrinsify.me

        Schau da mal vorbei vielleicht ist das interessant für dich 😉

        Liebe Grüße
        Michael

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        1. Oh super, vielen Dank für den Tipp! Da schaue ich auf jeden Fall rein! Liebe Grüße, Sandra

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  3. Hallo Sandra!
    Schön mal wieder was von dir zu lesen.
    Ich kann den dir und den beiden Herren nur beipflichten. Welche sinnlosen (Bewerbungs-)Rituale sich doch entwickelt haben und heutzutage leider immer noch vieler Orts praktiziert werden.
    Und der Artikel in der WiWo. Gaaaaanz gruselig. Habe ihn angefangen. Konnte es aber nicht zu Ende lesen.
    Auf diesem Wege dir auch eine schöne Hochzeit 😉
    Beste Grüße aus Münster,
    Volker

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    1. Vielen Dank, lieber Volker! Ja der Artikel in der WiWo war für mich auch sehr schwer zu lesen.. Unglaublich. Naja, die Welt dreht sich manchmal sehr langsam… Liebe Grüße, Sandra

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  4. Hallo Sandra! Leider wirst du für den Artikel voraussichtlich nur Zustimmung ernten, denn die Gespräche laufen zu oft nach diesen Mustern ab. Das ist auch die gleiche Geschichte mit dem Bewerten der Bewerbungsmappen bzw. -unterlagen. Alles immer schön mit 08/15-Augen betrachten und wehe ein Talent weicht von der Norm ab. Da kann das ja gar nicht passen. 😉 Jetzt aber zum (wahrscheinlich) positivsten: alles Gute für deine Hochzeit und eine allzeit gute Zeit zusammen.

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    1. Hi Marc,

      vielen lieben Dank für die Wünsche zur Hochzeit! Ja das ist definitiv was Positives 🙂
      Du hast recht, leider ist sehr viel im Recruiting noch 08/15, mir hat letztens auch eine Personalerin gesagt, ich sei ja eine völlig untypische Personalerin. Das hatte sie dann am Studium (kein BWL) festgemacht, obwohl ich ja nun mittlerweile fast 10 Jahre Berufserfahrung habe.

      Aber das Recruiting und die Recruiter müssen was verändern- früher oder später kommt jeder dahinter. Das glaube ich ganz fest 🙂 LG, Sandra

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  5. Sandra, Du bereitest mir wieder eine Achterbahn der Gefühle. Herzlich gelacht, geschmunzelt, verzweifelt genickt und resigniert. Wie schade, wie schade, dass Du keine echt positiven Bespiele hast. Aber spiegelt genau meine Erfahrungen wider.
    Die Frage 1. finde ich den absoluten Oberlacher. Irgendwie auch toll, dass es so etwas (noch) gibt. Hat was kindlich naives, war aber wahrscheinlich ganz anders gedacht … Danke dafür 🙂

    Herzlichen Gruß,
    Henrik

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    1. Danke Henrik 🙂 Ja beim Schreiben des Artikel musste ich auch nochmal lachen, aber wenn ich in solchen Gesprächen sitze bin ich oft verblüfft, weil ich denke „Ist das jetzt ernst gemeint?“ Ich hoffe, dass sich viele Leute deine Vlog-Beiträge ansehen… Die finde ich übrigens richtig cool 😀 Liebe Grüße, Sandra

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