Die Candidate Experience „Blackbox“

Da bin ich wieder… Frisch verheiratet und nun ist wieder Zeit zum Bloggen. Heute möchte ich euch von der mysteriösen Candidate Experience „Blackbox“ erzählen… uhuu… klingt gefährlich – ist sie auch! Denn es gibt ein Zeitfenster, in dem Kandidaten massenhaft Erfahrungen mit einem Unternehmen machen, das aber für euch, liebe Personaler, oft undurchsichtig und unberechenbar bleibt. Schwarz also. Da könnt ihr all eure Bemühungen rund um das Thema CE getrost beiseite packen, durchläuft ein Kandidat diese schwarze Box (und das tut er immer), sind die ersten Eindrücke gefestigt, ob nun positiv oder negativ. Ein kleines Zeitfenster, welches große Auswirkungen haben kann.

Eine Ahnung wovon ich spreche? Gemeint ist hier die Zeit zwischen der Ankunft eines Bewerbers auf dem Parkplatz eines Unternehmens, bei dem er zu einen Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, bis zum „Hereinholen“ in den Interviewraum. Die Zeit des Ankommens, des Eintretens und des Wartens. Des Beobachtens und „sich Umsehens“. Zeit, in der der erste Kontakt zu Mitarbeitern bzw. potenziellen Kollegen stattfindet. Auch wenn das jeweilige Zeitfenster nur 5 Minuten beträgt, der Kandidat bewertet erstmalig das Unternehmen. UND ER IST DABEI ALLEIN! Liebe Personaler: wenn ihr den Kandidaten nun zum Gespräch bittet, hat er das schwarze Zeitfenster passiert. Es gibt kein Zurück, kein „Blitzdings“. Das sollte euch beunruhigen. Jetzt könnt ihr zwar ein gutes Interview führen, jedoch ist es nur ein Teil des Ganzen „Erfahrungspakets“.

Warum ich nun auf dieses Thema komme? Weil sich in meiner Blackbox auch schon so einige prägende Eindrücke angesammelt haben. Und weil ich glaube, dass sich kaum ein Personaler Gedanken  über diese enorm wichtigen ersten Minuten eines Bewerbers in einem für ihn unbekannten Unternehmen macht. Denn hier entscheidet sich, ob man sich als Bewerber willkommen fühlt…

Ich fahre zu einem Bewerbungsgespräch. Auf der Internetseite des Unternehmens war von einem modernen Loft die Rede, von Start Up Atmosphäre (obwohl die Firma diese Phase längst hinter sich gelassen hatte- rein zeitlich betrachtet), von moderner Personalführung und „coolen“ Teams. Da ich schon mal in einem Start Up gearbeitet hatte, waren meine Erwartungen hoch.

Dort angekommen stand ich vor einem sehr großen Fabrikgebäude, in dem  viele Firmen untergebracht waren. Ein Schilderwirrwarr sollte Ordnung in die vielen Gebäudeblöcke bringen, schade nur, dass „meine“ Firma gleich auf zwei Blöcke verwies und nirgends ein Hinweis für einen Empfang angebracht war. Also suchte ich nach einem Eingang und rüttelte an ungefähr 5 Türen, die alle verschlossen waren. Während ich so draußen im Regen umherirrte, bemerkte ich eine Gruppe von Mitarbeitern, die mich aus einem Bürofenster beobachteten und lautstark darüber wetteten, wie lange ich brauchen würde, um ins Gebäude zu kommen. Ich hörte ein paar Wortfetzen, z.B. „blond“ und „Frauen“ und lautes Gelächter. Leute, hackt‘s? Scheint, als hätte man Spaß daran, Gäste bei der Suche nach dem Eingang zu beobachten. So so. Als ich endlich eine Tür fand, die auch von außen zu öffnen war, warf ich dem Mitarbeitergrüppchen noch einen bösen Blick zu und trat schwungvoll ein. Mir ist es ja schon häufiger passiert, dass ich Eingänge oder Wege suchen musste, aber dass ich dabei beobachtet wurde gab dem ganzen nochmal ein wenig mehr Würze. Unglaublich. In mir brodelte es. Ich nahm mir vor, auf dem Rückweg bei den besagten Mitarbeitern nachzufragen, wie ich denn im „Ranking“ abgeschnitten hatte und ihnen die Meinung zusagen. Aber erstmal schob ich meine Wut beiseite und wollte mich auf das konzentrieren, weswegen ich eigentlich dort war: mein Interview.

Ich stand nun in einem dunklen Treppenhaus, auf jeder Etage gab es Türen, die wieder nur von innen bzw. mit einem Schlüssel zu öffnen waren. Im EG gab es weder einen Wegweiser, noch ein Hinweis, wo man sich als Gast anmelden konnte, so dass ich, weil ja von „Loft“ die Rede war, die Treppen nach oben nahm. Immerhin stand gleich im ersten Stock die richtige Firma angeschlagen und ich fühlte mich erleichtert. Als ich klingelte, tat sich…. nichts. Rein gar nichts. Von hinten huschte jemand an mir vorbei und rief: „Die Klingel ist kaputt!“ In mir machte sich Verzweiflung breit und ich rief der Person hinterher, dass sie mir doch bitte sagen möge, wo ich mich für ein Gespräch bei der Firma xy anmelden könne. Aber es war zu spät und ich hörte nur noch eine Tür zufallen. Mist.

Ich  beschloss, weiter nach oben zu laufen und traf im 3. OG schließlich wieder auf einen Mitarbeiter, der allerdings ein Handy am Ohr hatte und wild diskutierte. Normalerweise hätte ich nicht gestört, doch mittlerweile war ich so genervt, dass mir egal war, mit wem er da telefoniert. Ich sah ihn hilfesuchend an und fragte in einer Diskussionspause, wo denn hier eine Anmeldung sei. Im selben Augenblick merkte ich, dass ich ihn besser nicht angesprochen hätte. Er platze und brüllte, dass dies ja wohl ein „Scheißtag“ wäre, er eh schon genervt sei und ich nun auch noch so dreist wäre, ihn bei wichtigen Gesprächen zu stören. Ich fragte einfach nochmal: „Wo ist hier bitte die Anmeldung für ein Gespräch bei der Firma xy?“ „5. OG“ schoss es wie aus der Pistole. Na, geht doch. Mittlerweile waren fast zehn Minuten vergangen, ich hatte zwar genug Zeit eingeplant, jedoch wurde ich nun langsam auch hektisch. Im 5. OG gab es wieder eine Tür, die nur von außen zu öffnen war, jedoch keine Klingel. Ich hatte Glück, dass gerade jemand hinaus kam, den ich nochmal nach einer Anmeldung fragte und der (wirklich sehr nett- jetzt ernst gemeint) sagte, dass ich hier total falsch sei und er mich aber zum Empfang begleiten würde. Puh. Wir liefen 5 Minuten durch verschiedene Großraumbüros, Gebäudetrakte und Flure mit teilweise bis an die Decke gestapelten Kartons und chaotischen Zuständen. Meine Begleitung merkte wohl meine Blicke und sagte, dass man gerade erst eingezogen sei und deswegen noch ein wenig Chaos herrsche. Das ändere sich aber alles noch. Endlich kamen wir am „Empfang“ (zwei aneinander gestellte Schreibtische) an. Ich bedankte mich und steuerte auf die Empfangsdame zu. Endlich! Das hätte ich allein nicht gefunden, bzw. wahrscheinlich wäre ich heute noch unterwegs.

Ich stellte mich vor und sagte, ich sei zu einem Gespräch eingeladen worden. „Ja, kannst gerade dich da noch auf das Sofa setzen, die Kisten kannst du runter räumen, damit du auch Platz hast.“ (Das „Duzen“ war Teil der Unternehmenskultur) Gleich nach dieser Ansage war ich bei der Empfangsdame auch wieder abgemeldet, denn sie lästerte gerade mit einer Kollegin über eine andere Kollegin und zeigte ihr einen Skype Chat.

Ich steuerte auf das weiße Ledersofa zu, packte drei Kisten zu Seite und nahm noch zwischen 5 übrig gebliebenen Kartons Platz. Leider saß ich mitten im Weg, so dass nun alle Mitarbeiter über mich und die Kisten, die ich auf den Boden gestellt hatte, steigen mussten.  Und ich saß dort lange, seeehhhr lange.

Da war ich also nun- endlich im modernen Loft und bei der trendigen, coolen Firma angekommen. Zwischen Kisten und Chaos. Das gesamte Büro sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich hab noch nie so viel Unordnung, Staub und Müll gesehen. Leere Verpackungen, Folie, Büromaterial…. Alles lag rum.

Mein Blick fiel auf einen Karton neben mir. Dort stand mit schwarzem Filzstift TUPPA geschrieben, genau, mit AAAAA. TUPPAAAAA. Ich musste schmunzeln. Das erste Mal seit meiner Ankunft.

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