Wieso können Sie das nicht, Sie sind doch Generalist!?

Leider lese ich es immer und immer wieder: „Generalisten gesucht!“ Gerade im HR Bereich gibt es etliche Stellenausschreibungen, die so eine, oder eine ähnliche, Betitelung beinhalten. Gepaart mit einer ganzen Menge an Anforderungen, die ein Kandidat erfüllen soll. Hier mal ein schönes Exemplar (bitte anklicken), welches meine Kreislauf heute Morgen richtig angekurbelt hat (und das noch ohne Kaffee):

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Über solche Ausschreibungen kann ich mich wirklich aufregen. Da wird ein Kandidat gesucht, der darf sich dann Generalist nennen, muss alles können, alle unterstützen, braucht in allen HR relevanten Bereichen Wissen und bekommt dann nur 40k/Jahr, weil es ja kein Referent oder Business Partner ist. Zum Würgen! Jemand, der dem HR Business Partner zuarbeitet (steht im Text), aber bei Bedarf dann doch selbstständig arbeitet. Wie es gerade passt. Während alle anderen Teammitglieder sich auf einige wenige Themenfelder konzentrieren, muss der Generalist bei einer Vielzahl von Angelegenheiten, Fragestellungen und Problemen ein kompetenter Ansprechpartner sein. Wie unfair!

Obwohl ich an der Ausschreibung gar kein Interesse hatte, gab es eine ganze Reihe an Fragen, die sich in meinem Kopf sammelten:  Was heißt denn eigentlich Generalist? Wie gut muss man sich in den Aufgabengebieten auskennen? Gibt es Aufgaben, die mehr gewichtet sind als andere? Und welche Stellung hat man im Team? Ich entschied mich, all meine Fragen einfach direkt beim Unternehmen bzw. hier bei der Personalberatung zu stellen und rief die angegebene Kontaktperson an.

„Guten Tag, Sibus mein Name. Ich hätte ein paar Fragen zu Ihrer Stellenausschreibung „HR Generalist“. Können Sie mir hierzu ein paar Auskünfte geben?“

Mein Gegenüber, leicht unfreundlich, schnaufte ins Telefon.

„Ich kann es versuchen, meine Kollegin, die die Stelle betreut, ist leider im Urlaub. Worum geht es denn? Lange Zeit habe ich aber nicht, ich muss gleich ins Meeting.“ Ja ja, da ist es wieder, das Sommerloch… da fahren die Kollegen einfach ganz plötzlich in die Ferien. Sowas!

„Ich würde gerne wissen, was es genau bedeutet, ein Generalist in der Firma xy zu sein. Da Sie ja keinen Spezialist oder Experten für die verschiedenen Aufgaben ausgeschrieben haben, frage ich mich, wie tief die Kenntnisse in den verschiedenen Bereichen sein müssen. Was muss ein Kandidat zwingend mitbringen? Was ist dem Unternehmen nicht so wichtig? Wie ist ein Generalist im Team platziert?“

Die Dame am anderen Ende brauchte eine Weile, bis sie einen Ton rausbrachte. „Ist das Ihr Ernst?“ Jetzt war sie richtig unfreundlich. „Ja, natürlich. Ein Generalist ist für mich jemand, der zwar bereits vielfältige Erfahrungen gemacht hat und Wissen in den aufgezählten Bereichen mitbringt, aber er kann ja meiner Ansicht nach nicht in allen Bereichen gleich viele Kenntnisse haben. Daher meine Frage.“

„Ich führe jetzt keine Diskussion zu Begriffen! Wozu auch? Wir suchen jemanden, der natürlich alle aufgelisteten Tätigkeiten übernehmen kann.“ Entgegnete sie schnippisch. „Und da gibt es auch viele Bewerber, die dem sehr nahe kommen“.

„Also suchen Sie doch einen Spezialisten für jede aufgelistete Aufgabe, d.h. jemanden, der von Anfang an alle erforderlichen Kenntnisse mitbringt und ab dem ersten Tag an alle Tätigkeiten übernehmen kann? Die Wollmilchsau also? Und Sie erkennen anhand des Lebenslaufs, wie tief Erfahrungen sind? Das hieße dann, bei x aufgelisteten Aufgabenbereichen müsste jemand x-facher Spezialist sein?“

„Hören Sie, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was sie von mir hören wollen. Die Stellenausschreibung beinhaltet alles, was ein Bewerber mitbringen muss. Die haben wir genauso von unserem Kunden übernommen, d.h. die Punkte haben wir nicht formuliert. Wenn Sie nicht alles können, sind sie die falsche Kandidatin.“ Ich glaube, sie fühlte sich ein wenig veralbert. Okay, ich habe sie auch ein wenig überfallen. Aber meine Fragen waren durchaus ernst gemeint.

„Ah okay. Na dann ist das wohl so. Eine letzte Frage: bei Ihrem Kunden gibt es ja auch Personalreferenten bzw. HR Business Partner im Haus. Wie unterscheiden sich denn die Positionen bzw. wo ist denn der Generalist im Team platziert?“

„Der Generalist unterstützt immer da, wo er oder sie gebraucht wird. Jetzt muss ich aber weg. Schicken Sie uns Ihren Lebenslauf, dann schauen wir, ob es passen könnte. DANACH können wir weitere Fragen klären.“ Sie legt auf. Einfach so.

Dieses kurze Telefonat beschreibt es doch ganz gut. Natürlich suchen Unternehmen keine Generalisten. Sie suchen immer noch nach Kandidaten, die auf jedem einzelnen Gebiet Experten sind. Die Wollmilchsau. Am besten eierlegend. Da wir überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass ein Kandidat gar nicht auf allen Gebieten gleich tiefes Wissen haben kann.

Und das erlebe ich bei mir selbst auch sehr oft. Selbstverständlich habe ich schon mal irgendwie Berührung mit allen Bereichen der Personalarbeit gehabt. (Was bin ich nun? Ein Generalist? Oder in manchen Bereichen ein Spezialist?) Sicher gibt es Gebiete, in denen ich definitiv Experte bin, andere habe ich kennen gelernt und könnte mich schnell fit machen und manche Bereiche habe ich nur gestreift. Bin ich jetzt ein schlechter Kandidat?

Dabei wäre doch alles ganz einfach. Wenn man in einer Stellenanzeige schon in „must haves“ und „nice to haves“ unterscheiden würde, könnte jeder Bewerber das mit dem eigenen Profil abgleichen und auch dementsprechend eine Bewerbung verfassen. Warum schreiben die Unternehmen nicht, was ihnen wirklich wichtig ist? In ein paar wenigen Sätzen. Und dabei muss priorisiert werden (Vielleicht könnte man Dinge, wie „Kenntnisse im Chemietarifrecht“ niedriger priorisieren? Dafür aber Erfahrungen im Betreuungsbereich, um den es hier ja geht, höher?). Und das ganze „Gedöns“ wie z.B. Sozialkompetenz kann man sich doch sowieso sparen. Zu mir hat noch kein Bewerber gesagt: „Tut mir leid, ich erfülle fast alle Anforderungen, aber leider bin ich nicht sozialkompetent und auch kein Teamplayer“.

Fakt ist, wer Generalist in den Titel einer Stellenausschreibung schreibt, hat sich kaum Gedanken gemacht, wen man eigentlich erreichen möchte, welcher Kandidat zum Unternehmen passt, wo er zwingend Experte sein muss und in welchen Bereichen man bereit wäre, ihn zu entwickeln. Und darauf wird es zukünftig ankommen. Recruiting wird viel individueller werden, Unternehmen werden sich nicht mehr nur zurücklehnen können, in der Hoffnung, dass die Wollmilchsau doch noch vorbei kommt. (Und bitte: man muss nicht 20 Punkte aufzählen, um auf den Punkt zu kommen!)

Die zentrale Frage müsste doch lauten: was kann ein Kandidat wie gut und wo hat er Nachholbedarf? Was braucht man, um ihn „fit“ zu machen bzw. wie viel Aufwand wäre das?

Aber solange mit Begriffen  wie „Generalist“ um sich geworfen wird, kann der Mangel an Kandidaten noch nicht so groß sein. Noch und vor allem auch im Bereich HR, scheint es viele Bewerber zu geben, die durch Worthülsen im CV einen 100% Match ergeben. Yay! Und so manche Personaler ruhen sich darauf aus und meinen, ihr 100% Match sei der Top-Kandidat. Oder wäre dies nicht eigentlich der Kandidat, der ehrlich sagt, was er nicht kann? Spannende Frage. Aber in keinem Fall ist er Generalist.

Und so wartet manche Personalabteilung dann auch mal läääääääänger, bis sie eine Stelle besetzt, andere stellen jemanden ein und stellen dann fest, dass er doch nicht auf allen Gebieten gleich gut ist. Na sowas! Überraschung! Und dann ist die Enttäuschung groß. „Wieso können Sie das nicht, Sie sind doch Generalist!?“ Tja, dann muss die Personalentwicklung ran- oder, falls die Probezeit noch nicht rum ist, kann man ja auch nochmal einen neuen Kandidaten suchen (Ironie: aus).

Ich behaupte: wer Generalisten sucht, rekrutiert oberflächlich! So, jetzt eure Meinung bitte!

8 Kommentare


  1. Danke für Deinen Beitrag, der wirklich sehr realistisch widerspiegelt, was da grade los ist auf dem Markt. Es handelt sich hierbei ja um einen Drittanbieter/Vermittler, der im Auftrag eines Kunden sucht (wahrscheinlich weil dieser ein Problem mit der offenen Suche hat, oder vielleicht die Stelle schon länger nicht besetzt kriegt? wen wundert’s bei dem Profil). Die Qualität ist ja unterste Schublade, von all den Typos, Schreibfehlern im Text mal abgesehen, kann man geradezu herauslesen, dass sich da keiner wirklich Mühe gemacht hat und mal mit Sachverstand (bei vielen Recruitern immer noch nicht erkennbar) rangegangen ist. So zB hat der/die Autor/in den Kunden/Auftraggeber mal gefragt: was sind die 3-4 wirklich wichtigen Aufgaben in dieser Funktion, was ist ein Must-have und was ein Nice-to have .. Aber das zeigt auch die Situation auf dem HR Markt …da herrscht immer noch eine unglaubliche Arroganz von Seiten der Arbeitgeber/Recruiter (‚wir haben genug Bewerber‘ – ach ja? frage ich da) noch ist da bei vielen nicht angekommen, dass wir in einen Bewerbermarkt geraten, wo der Bewerber bestimmen wird, WO er hingeht und die Arbeitgeber lernen müssen, für sich und ihre Stellen Marketing zu machen, damit sie diese in Zukunft überhaupt besetzt kriegen.
    btw: die mangelnden Kenntnisse im Umgang mit einem BR oder bestimmte tarifvertragliche Kenntnisse (es ist doch völlig irrelevant, ob Chemie, Metall oder …) finde ich sekundär, wenn alles andere passt – wie Du sagst, es gibt nichts, was man nicht lernen kann, solange man willens ist. Und glaubt mir, viele Kandidaten blöffen auch ganz gern – so what? Und es hilft wirklich nur eins: die, die so einen Blödsinn schreiben, konsequent zu challengen, anrufen, nachfragen, .. von daher: super gemacht!

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    1. Hallo liebe Waltraud!
      Danke für deinen Kommentar! Ja, sowohl die Menge an aufgelisteten Punkten, als auch die Schreibfehler in der Anzeige sind echt eine Katastrophe. Ich versuche dann ja immer, das auch den Unternehmen, oder wie hier dem Dienstleiter (dessen täglich Brot der Umgang mit Bewerbern ist), ein ernst gemeintes Feedback zu geben, aber meistens ist man daran gar nicht interessiert. Auch in diesem Fall war die Dame am Telefon sehr genervt. Hast du gesehen, dass da Gerneralist statt Generalist steht? Darüber musste ich ein wenig schmunzeln 🙂
      War auf jeden Fall schön, etwas von dir zu hören. Vielleicht magst du mir mal ein Update per Mail geben, wie es dir geht 🙂
      LG Sandra

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    1. Du Spammer 😀 Ja PE ist der Schlüssel… Vor allem, wenn es um Dinge geht, die man schnell lernen kann. Heute war ich bei einer Firma, die auch einen starken Betriebsrat hat, aber: sie haben kein Problem damit, jemanden einzuarbeiten! Wenn ich da anfange, könnte mein Betriebsratskomplex verschwinden!!!!! Das wäre echt klasse…

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  2. Ja, das ist wohl auch so ein Thema.. Sorry, aber ich habe noch keinen Kurs „Umgang mit dem Betriebsrat“ gefunden. Das Betriebsverfassungsgesetz kenn ich schon in seinen Grundzügen und der Rest wäre wohl mal ein Wink mit dem PE-Zaunpfahl. Aber das will ja keiner mehr machen, Leute entwickeln.. IHHH da wird mir fad!

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  3. Das Thema kenne ich auch… Bloß keine PE mehr betreiben, alles schon vorgefertigt einkaufen. Ich glaube das nächste mal erzähl ich einfach dass ich das natürlich alles kann und wenn Sie dann meckern dass es doch so ist, dann sage ich einfach „Ich habe ja nie gesagt wie gut…. 😀

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  4. Mal aus Xing kopiert:

    Oh ja, das ist mir wohl bekannt… Interessant hier auch ein Artikel der heute in den Xing Branchennews an erster Stelle steht „Karrierebiebel: Alleskönner“. Sorry ich kann nicht alles, erst recht nicht alles besonders gut. Ich möchte sogar effektiv nicht alles können, denn ich weiß, dass ich einige Dinge mehr schlecht als recht mache und sie meinem naturell nicht besonders entsprechen“. Insbesondere im HR wird so oft der Alleskönner gesucht und dann wird sich über die Qualität der HR beschwert. Das passt nicht zusammen! Auch aus der eigenen Bewerbungspraxis stammt folgendes Beispiel….

    „Kennen Sie sich mit Metalltarifen aus“ –> „Nein, ich war bisher nur in nicht Tarifgebundenen Unternehmen, kann mir dies aber sicher aneignen. –> Fazit, Stelle nicht bekommen. Auch schön, letztens in einer Ausschreibung für Personreferenten gesehen: „ggf. Urlaubsvertretung der Assistenzkräfte“ Bitte was? Entschuldigung ich bin mir wirklich für wenig zu schade gewesen in meinem Leben, aber warum um Gottes Willen soll der Pesonaler die Assistenzen vertreten. Ich musste schmunzeln

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    1. Hi Stefan,
      ja ich kenne das auch. Ich bekomme immer zu hören, ich hätte nicht genug Betriebsratserfahrung. Naja, ich hatte eben immer keinen Betriebsrat oder einen auf Kuschelkurs, der seine Rechte nicht kannte und sowieso keine Lust hatte. Aber auch da denke ich, es ist ja kein Hexenwerk und man kann sich sicherlich schnell fit machen. Die letzte Position, bei der ich das zu Hören bekam, war dann über ein Jahr ausgeschrieben…
      LG Sandra

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