„Bitte sehen Sie davon ab, uns anzurufen“

Heute Morgen bekam ich eine postalische Absage als Reaktion auf meine Bewerbung bei einem neuen potenziellen Arbeitgeber. Im Brief enthalten war ein Standardtext, bzw. eine Standardabsage, drei Zeilen, nichts Besonderes. Das, was mich aber nachdenklich gemacht hat, war meine spontane Reaktion auf diese Absage. „Hey, super, ist zwar schade, aber immerhin bekomme ich ne Absage!“ Gut gelaunt lief ich in die Küche, um erst mal einen Kaffee zu machen. Dort angekommen, wunderte ich mich über mich selbst… „Moment mal- wieso freue ich mich jetzt?“ Ganz einfach, weil ich in meinem bisherigen Bewerbungsprozess oft gar keine Reaktion auf meine Bewerbung erhalten habe. In diesem Fall erhielt ich zeitnah eine Rückmeldung und konnte nun mit dem Prozess abschließen. Wow. Was ein Erfolg…

Fehlende Eingangsbestätigungen, gar keine Reaktion auf die Bewerbung, Rechtschreibfehler in Standard- Absagetexten (die so wahrscheinlich 200-mal verschickt werden), unfreundliche Personaler am Telefon- das und andere absolute „Kommunikations- No Go´s“ sind als Reaktion auf meine Bewerbungen nicht selten. Mein persönliches „Highlight“  der Bewerberkommunikation ist dieses hier:

Mail Bitte sehen Sie davon  ab, uns anzurufen? Was sagt das denn über das Unternehmen aus? „Wir rufen Sie an, wenn wir Sie interessant finden, ansonsten lassen sie uns in Ruhe“ ist meine Interpretation der Email. Es scheint, als sei es hier immer noch nicht angekommen, dass Recruiting keine Einbahnstraße ist, in der sich nur der Bewerber bemühen muss. Und das Versenden einer Eingangsbestätigung mit einem wertschätzenden Text ist da meiner Ansicht nach noch eine der leichtesten Übungen. Hier handelt es sich vor allem um ein Unternehmen, mit mehr als 100.000 Mitarbeitern, welches auf der eigenen Karriereseite mit Werten wirbt, bei denen der Mensch im Mittelpunkt stehe. So so… Fehlt die Anmerkung: Bewerber ausgenommen.

Ich habe mir trotzdem den Spaß gemacht, das Unternehmen anzurufen. Natürlich- bei so einer Vorlage!! Da nirgends eine Telefonnummer oder ein Ansprechpartner angegeben war, wählte ich die Telefonnummer der Zentrale, um dann von dort aus zur Personalabteilung zu gelangen. Als ich darum bat, verbunden zu werden, sagte mir die Dame am Telefon, dass es nicht möglich wäre, direkt zur Personalabteilung durchzustellen, dass sie aber gerne mein Anliegen aufnehme und es weiter gebe. Es würde sich dann jemand bei mir melden. Passiert ist nichts. Ich gehe also jetzt davon aus, dass meine Bewerbung nicht erfolgreich war. Ehrlich gesagt verzichte ich in diesem Fall auch gerne auf eine Mitarbeit, denn hier scheint das Wesentliche nicht verstanden worden zu sein: ein aus Unternehmens- und Personalersicht erfolgreicher Bewerbungsprozess umfasst weitaus mehr, als den einen passenden Bewerber zu finden. Klar, für die Fachabteilung ist es wichtig, dass man möglichst schnell eine Position mit der passenden Person besetzt. Daran wird man gemessen. Aber für das Unternehmen ist es genauso wichtig, nach Möglichkeit auch bei allen anderen, nicht passenden Bewerbern, einen guten, wertschätzenden Eindruck zu hinterlassen. Denn das sind die Multiplikatoren, die ihre Erfahrungen nach außen tragen. Also ein bisschen mehr Weitsicht bitte!

Und ganz ehrlich: wir Bewerber verlangen gar nicht viel! Eine Eingangsbestätigung, vielleicht zwischendurch ein Lebenszeichen, sollte der Prozess länger dauern und eine Absage falls es mit der Position nicht klappt- damit wäre ich schon glücklich. Vielleicht noch einen Ansprechpartner, um Fragen zu klären- das sollte doch möglich sein.

Wertschätzung, klare Kommunikation, Verlässlich- und Verbindlichkeit: darauf kommt es an, nicht nur im Recruiting!

32 Kommentare




  1. Hallo Sandra,

    ich kann Deine Erfahrungen leider bestätigen. Ich bin selbst in leitender Position im Personalwesen tätig und teilweise entsetzt, was mir im Bewerbungsprozess so alles passiert ist. Bewerbungseingänge, die erst nach vier oder sechs Wochen bestätigt werden. Einladungen zu einem ersten Gespräch drei Monate nach der Ausschreibung, Gesprächspartner, die gleich zu Beginn des Gesprächs sagen, dass sie in einer Viertelstunde wieder gehen müssen usw. Bücher über Bücher und jede Menge Veranstaltungen zum Employer Branding aber die erlebte Realität, gerade bei Großunternehmen und Marktführern ist dann eine ganz andere. Bei mir ist der ein oder andere Markenname jetzt auf der „Roten Liste“ und mal ganz ehrlich, welcher Personalprofi, der etwas auf sich hält, will bei einem Unternehmen im Personalbereich arbeiten, das noch nicht einmal seine Visitenkarte, den Bewerbungsprozess, vernünftig managen kann? Ich habe jedenfalls dann einen Arbeitgeber gefunden, der dann schon im Bewerbungsprozess als Hidden Champion auffiel. Ich drücke Dir die Daumen, dass Du hier ebenfalls bald erfolgreich bist!

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    1. Hallo Anna,

      deinem Kommentar möchte ich an dieser Stelle sehr beipflichten. Und witzigerweise habe ich als Senior Recruiter den Bewerbungsprozess auch immer als „Visitenkarte“ oder Arbeitsprobe des Unternehmens propagiert.

      Sicherlich kann man nicht immer davon ausgehen, dass nur weil das Recruiting nicht so gut lief, auch die anderen Prozesse schlecht sind. Aber es mag definitiv ein dunkles Licht auf das Unternehmen an sich werfen und die Bewerbungseingänge massiv beeinträchtigen.

      Ich sitze jetzt gerade auf „der anderen Seite“ und noch dazu im PDL-Bereich, aber in Bezug auf meine momentanen Kundenkontakte könnte ich auch ein paar Anekdoten erzählen. Was nicht alles von unseren Talenten in und für eine Personalvermittlung verlangt wird? 😉

      Aber das ist eine ganz andere Story.

      Wünsche weiterhin viel Erfolg und sende freundliche Grüße aus Bayern.

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  2. Liebe Frau Gausmann,

    anscheinend gibt es noch genug Firmen die nicht bemerkt haben, dass Bewerber auch potentielle Kunden des Unternehmens sind.

    Und wenn Sie mal die Wahl haben zwischen Produkten dieses „tollen“ Unternehmens und eines Mitbewerbers…

    Danke für den Artikel und erfolgreiche Jobsuche.

    Liebe Grüße

    Andreas Bachmaier

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    1. Ja genau so ist es! Die Weitsicht fehlt leider an vielen Stellen… Liebe Grüße!

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  3. Willkommen in der Realität der Arbeit suchenden. Das könnte ich noch um viele Varianten ergänzen. Leider.

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  4. Hallo Frau Gausmann,

    sehr erfrischend, aber leider traurige Realität.

    Viele Grüße
    Maurizio Di Noia

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    1. Danke! :-) Ja ich hoffe dass ich demnächst auch mal von positiven Beispielen berichten kann…
      Liebe Grüße, Sandra Gausmann

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  5. Die Personalabteilung sollte – ach was – muss sich wie ein Teil des Marketings des Unternehmens verhalten. Denn egal ob B2C oder B2B – irgendwann läuft das Unternehmen dieser/m Bewerber/in wieder über den Weg. Wäre doch schade, wenn er/sie da etwas negatives im Hinterkopf gespeichert hat.

    War bei mir Maxime während meiner Ausbildung in der Personalabteilung: Sauber, Korrekt, Respektvoll, Schnelle Reaktion – wie auch immer das Ergebnis des Verfahrens ist usw.

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    1. Ja, so sehe ich das auch! Ist auch immer mein Maßstab…

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  6. Unfassbar… Auf jeden Fall solltest du den Unternehmen eine Bewerbungsbewertung bei einem Arbeitgeberbewertungsportal wie kununu hinterlassen. Hilft anderen Interessenten bei der Entscheidung, ob sich eine Bewerbung lohnt oder nicht.
    Ich wünsche dir viel Erfolg für die weitere Jobsuche mit wenigen Erlebnissen wie beschrieben – auch wenn es für uns Leser faszinierend ist. :-)

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    1. Hallo Annika, ja eine Bewertung werde ich abgeben :-) LG Sandra

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  7. Hallo Sandra,

    wie ich gerade lese, ist mein so eingänglicher HR-PR-Satz, den ich auch gerne in der direkten Talent-Kommunikation benutze, „Recruiting ist keine Einbahnstraße,“ von dir hier super eingesetzt worden.

    Ich weiß aber auch nicht mehr wirklich, ob der mal irgendwo in einem Blog stand, aber egal, ich würde den mehr als nur unterschreiben.

    Vor kurzem noch war ich auch selbst betroffen und mit der Jobsuche betraut. Auch eine frühere Teamleiterin & Coach für Recruitingprozesse war mal „aus der Gegenseite“ und Sie sagte damals schon, da kann man wahrlich Bücher drüber schreiben, wie mit den Bewerbungen umgegangen wird.

    Spannend, aber HR wird nach wie vor und noch immer zu direkt mit Resourcen im Sinne von Materialeinkauf verwechselt. Gerade im Bereich der Personaldienstleistungen schlägt einem das brutal ins Gesicht!

    Und das eigentlich wirklich perverse ist, dass man beim Lesen von deinen und meinen und weiteren Unterlagen doch erkennen müsste, dass diese Prozesse und Aufgabenstellungen vormals unser täglich aktives Brot sind. Es sollten sich also auf beiden Seiten entsprechende Profis gegenüberstehen, oder nicht? Sollte man zumindest annehmen.

    So, mit großem Dank an Henrik Zaborowskis Newsletter und der hoffentlich positiven Schützenhilfe ;-)) wünsche ich ehrlich gemeint, gutes Gelingen.

    Und an die Personaler da draußen: ruhig mal ans Telefon gehen, die meisten Talente beißen nicht. Es sei denn, man spricht nicht mit Ihnen. 😉 Oder laufen die Email-Postfächer mit Experten immer noch randvoll zu?

    Mit allerbesten Grüßen
    Marc Mertens

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    1. Hallo Marc,
      danke für deinen Beitrag und die Schützenhilfe! :-) Ich glaube schon, dass es auch auf beiden „Seiten“ Profis gibt bzw. ich bin ganz selbstverständlich zum Start meiner Bewerbungsphase davon ausgegangen. Umso mehr hat es mich geschockt, dass die Realität oft anders aussieht. Und das bei mittelständischen und großen Unternehmen… Ich frage mich, wann denn mal Zeit zum Umdenken ist…
      Liebe Grüße, Sandra

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  8. Liebe Sandra,
    es ist traurig und beschämend für alle professionell arbeitenden HR’ler, und doch scheint dies immer mehr Alltag zu werden: auch ich habe jüngst genau so einen Text erhalten. ‚Es tut uns leid Ihnen absagen zu müssen. Bitte rufen Sie uns dazu nicht weiter an.‘ … ist das die neue HR-Generation á la ‚Wir haben jetzt keine Zeit für nervige Bewerber, weil wir jetzt Business Beratung oder anderen ‚Quatsch‘ machen müssen‘?
    Wir sollten eine Blacklist an Firmen erstellen, die ihre Bewerber derart ‚abspeisen‘, was meint ihr? :-)

    Und apropos ‚Top Arbeitgeber‘: das Label kann man sich, wie immer, gegen teuer Geld erkaufen, insofern … was sagt das also wirklich aus?

    Liebe Grüsse
    Waltraud

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    1. Liebe Waltraud,
      ja eine Blacklist wäre super. Ich würde den Unternehmen gerne auch einen Spiegel vorhalten und zeigen „So kommt eure Kommunikation an“… dazu überlege ich gerade, wie man das am machen könnte….
      Liebe Grüße
      Sandra

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      1. Ist doch ganz einfach… Ne Webplattform und diese muss dann nur publik werden ;)..

        Ich überlege mir grade ein Konzept in die andere Richtung, wollte demnächst mal mit Henrik Zaborowski drüber sinnieren. Wenn du lust hast, liebe Sandra können wir auch ein Hangout draus machen und du gibst deinen Senf dazu ab.

        Hier möchte ich es ungern publik machen, weil es halt auch eine Geschäftsidee ist ;)..

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  9. Hallo Sandra,

    könnte ich hierzu eine Replik in mein Blog aufnehmen? Das ist so eine Steilvorlage, eigentlich müsste man es in alle HR-Blogs der Republik posten. So lange bis der oder diejenige es finden und kapieren was für einen Bullshit sie da verzapfen. Unglaublich…

    Schreib mir doch einfach kurz eine Email ob ich deinen Text (mit quellenverweis) nutzen und ergänzen darf.

    Herzliche Grüße
    Stefan

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    1. Hi Stefan, na klar, immer gerne :-) Liebe Grüße, Sandra

      Antworten

  10. Hallo Sandra,

    Dein blog ist echt ein Traum :-) Weil er ein weiterer Baustein ist, der Einblick in die Recruiting-/Bewerbungsrealität gibt. Vielen Dank dafür.
    Lass mich raten: Das Unternehmen hatte bestimmt einen Siegel als „Top Arbeitgeber“ oder so was, durch den die vorbildliche Personalarbeit belegt wird. Oder?

    Herzlichen Gruß,
    Henrik

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    1. Danke Henrik! :-) Ja, „Top Arbeitgeber“, auf der Unternehmensseite ist eine ganze Unterseite den Awards gewidmet…
      Liebe Grüße, Sandra

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      1. Diese Awards sind einfach mist, weil sie rein die „Planvorgänge und administratives“ fast schon betriebsprüferisch untersuchen… .so wird das nie was.. 😉

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        1. Im nächsten Human Resources Manager gibt es eine Contra-Stellungnahme zu den AG Wettbewerben von mir. Bin auf die Pro-Argumentation gespannt :-)

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          1. Ah sehr gut, ja darauf bin ich auch gespannt :-)


  11. Hallo Sandra,
    ich bin einer ähnlichen Situation, also gelernter Personaler auf der Suche nach einem neuen Job. Auch ich erlebe seit gut 6 Monaten die unglaublichsten Dinge im Rahmen meiner Bewerbungen. Kommunikation und Empathie scheinen einige Firmen bei ihren Personalern als zu vernachlässigende Kompetenzen zu halten. Den Vogel hat ein selbsternannter Personalprofi aus der Holding einer Baumarktkette abgeschossen: er puhlte sich seelenruhig während des Gesprächs den Dreck unter seinen Fingernägeln raus. Vielen Dank fürs Gespräch!

    Ich bin nun dazu übergegangen, solche Erlebnisse auf kununu etc. den interessierten Lesern mitzuteilen.

    Dir viel Erfolg bei der Jobsuche!

    Gruß Sascha

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    1. Hallo Sascha, na das mit den Fingernägel ist auch der Hammer! kununu ist auf jeden Fall ne gute Plattform! ich wünsche dir auf jeden Fall auch weiterhin viel Erfolg bei der Suche! LG Sandra

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  12. Hallo Sandra,

    wie wahr, wie wahr. Recruiting ist heutzutage ein standardisierter Prozess mit Optimierung auf die Software und nicht auf den Dialog. Dass sich Menschen wie als solche verhalten, ist weder geplant, noch gewünscht.

    „Ist halt so“ kann man nur sagen. Ich habe mich auch darüber mal .

    Trotzdem schönes WE und Kopf hoch
    Stephan

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    1. Hallo Stephan, sehr guter Artikel von dir! Und, bist du gesteinigt worden? :-) Ja, so eine Software soll den Alltag erleichtern, nicht komplett das Tagesgeschäft übernehmen- das ist meine Meinung. Wie du schon richtig schreibst- es geht um Menschen. Und man sieht ja, dass trotz Software auch noch das Gehirn eingeschaltet werden muss…. LG und ein schönes WE!! Sandra

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  13. „Sehr geehrte/r Frau Her Sandra“

    so eine grottenschlechte Einleitung gibt es doch nicht wirklich, oder?
    Welches Unternehmen ist nicht in der Lage anhand des Geschlechtes die korrekte Anrede zu finden.
    Ich gebe zu unserer Software musste ich vor drei Jahren auch auf die Sprünge helfen.
    Aber dabei auch noch die falsche Übersetzung „Her“, ich hätte an der Zentrale hinterlassen, dass ich herzlich über den Scherz gelacht habe und habe mir spontan überlegt nicht anzufangen, wenn die Software so veraltet ist.

    Der Rest des Standardtextes wäre evtl annehmbar, wenn ich mich als Ferienarbeiter gemeldet habe und mir jedes Jahr eine Mailflut von denen das Postfach aufbläht.
    Schon für Auszubildende empfinde ich es als Frechheit.
    Aber bei der Bewerbung zum HR Manager, ein ganz großes Armutszeugnis.

    Ich hoffe Bewertungsplattformen wie z.B. Kununu erhalten auch ein entsprechendes Feedback.
    Sonst tappe ich auch noch in solche Fallen.

    Weiter viel Geduld und schlußendlich Erfolg
    J.N.

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    1. Lustig finde ich auch die Rechtschreibfehler bei einem Standardtext… der geht dann wohl x-mal so raus. Da scheint wohl niemand die Textbausteine zu lesen, die in der Software eingebaut werden.. Aber was ich nur schwer verdauen kann, ist der Satz: „Bitte sehen Sie davon ab, uns anzurufen“, nachdem erklärt wurde, dass sich das Unternehmen nur bei ner Einladung meldet.. Sachen gibts :-)

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